Kuss, Kuss – Und was ist Ihr Problem?
22. März 2008Auf in die letzte Runde. Mein Letzter Eintrag in diesen Block. Mittlerweile sitze ich in meinem alten Jugendzimmer im Haus meiner Eltern in Neustrelitz und habe mich wieder an Deutschland gewöhnt. Japan ist nicht nur geographisch sondern auch gedanklich sehr weit weg. Verschwommen, nicht wirklich real scheinen die Erinnerungen. Die Gedanken an Japan und die Freunde kaum zu fassen und festzuhalten - wie ein Traum. Den Australiern geht es genauso. Japan ist zu einfach verschieden.
Man platzt in sein altes Leben, als wäre man nie weggewesen. Die Dinge sind einen altbekannt und doch kaum noch vertraut. Es dauert eine Weile. Es ist so ruhig bei uns. Man kann so weit sehen. So viel Natur. So viele schöne Häuser. Nur das Essen war in Japan anscheinend doch leichter. Zumindest mein Magen rebelliert des Öfteren. Und wo sind die vielen kurzen Röcke hin? Nicht zu vergessen, die deutsche Freundlichkeit. Kaum einen Schritt gegangen, schon wird man angeschissen. Der Höhepunkt zweifelsohne in Sanssouci: An Eingang und Schlange vorbei zum Eintrittskartenverkauf. In nicht mal 10 Minuten die nächste Führung. Aber wo ist die Schlange hin? Haben die schon ohne uns angefangen? Tür ist abgeschlossen. 2 Rüttler und ein Klopfen öffnen sie dennoch. Ein hochnäsiges Grinsen guckt uns an und fragt: „Und was ist ihr Problem?“ „Wir möchten um 14.20 Uhr die Führung mitmachen.“ „Dann kommen sie auch um 14.20 Uhr.“ Tür zu! In Japan hätte man sich tausende Male Entschuldigt bei uns, dass wir zu früh dran sind. Willkommen in Deutschland! Auf meine Sachen muss ich auch wieder aufpassen. Und auf diese Verrückten die Rechts fahren statt Links.
Ist er nicht ein Prachtkerl?!?
Nun aber wieder nach Japan. Meine Gebete wurden erhört und es schneite kräftig. Der Schnee blieb nur einen Tag liegen, aber das war ausreichend für Schneemann und Schneeballschlacht. Für Australier beides zum ersten mal in ihrem Leben. Eine letzte „Nomikai“ (Trinkgelage) wurde noch mir und allen anderen zu Ehren, die Kofu verließen, veranstaltet. Ich wollte nicht viel Trinken und am Ende geschah es doch. Mein Tisch hatte soviel bestellt, dass als alle los wollten noch eine Menge auf dem Tisch stand. Also ab ging’s: wechselnd nach links und rechts zu dem der gerade dort stand „Kanpai!“ (Prost). Ich konnte es doch nicht einfach stehen lassen.
Schön war’s…
Viel Zeit blieb mir nicht bis zum nächsten Besuch, der gemeinsam mit mir meine letzten 14 Tage in Japan verbringen sollte. Die Woche vorher verbrachte ich damit meinen Vortrag für die Uni vorzubereiten. Fertig wurde ich leider nicht.
Die ersten Tage blieben wir gleich in Tokyo. Tobi wusste im Riesenrad mit seiner Höhenangst zu gefallen, während man dank des schlechten Wetters nur 100m gucken konnte. Nervöses auf dem Boden Gucken und Rumgezucke waren die Folge. Später in Hakone in den zahlreichen Liften sollte es noch lustiger werden. Einzige Neuheit für mich war Ikebukoro. Ein aufstrebender Shopping Stadtteil von Tokyo. Mitten drin Sunshine 60, ein völlig überdimensionierter Einkaufsjungle, bestehend aus 3 riesen Gebäuden mit unzähligen Stockwerken. Da fällt mir ein, etwas war noch neu: vor jeder Sehenswürdigkeit wurde eine Einkaufstüte und eine Zeitung ausgepackt und mit auf dem Foto platziert. Selbst in Japan fällt man damit auf. Wehe ihr gewinnt nix mit den Bildern!!!
Highlight der Reise war für mich eindeutig ein Abend in einem Izakaya. Neben uns ein japanisches Pärchen, wobei er gut am trinken war. Nach einer Weile bemerkte ich, wie er zu uns rüber schielte. Oh nein! Wer hat den großen, blonden Typen bloß mitgenommen! Der erste Kommentar kam dann auch kurze Zeit später. „Nice guy!“ Es ist schwierig zu beschreiben, was alles passierte bis ihr Tisch neben unseren stand. Es gehört auf jeden Fall eine Menge Bier und Pflaumenwein für die Mädels dazu. Sein Englisch hielt sich in Grenzen und so waren 90% seiner Aussagen „Nice guy!“, „Long Nose!“ (was einen den ganzen Urlaub währenden Streit zwischen Tina und Tobi auslöste), „Nice Girl!“, „Beautiful face!”, „Cool Guy!“ und „Big boobs!“ hatten wir ihm beigebracht, da er von Tinas engem Oberteil doch sehr angetan war. Als er merkte, dass ich Japanisch spreche war das Eis ganz gebrochen (zumindest für ihn) und er rückte seinen Tisch an den unseren. Wir waren zusammen mit dem Pärchen gegen halb 1 schon die letzten als sie sich zu uns setzten. Drei Stunden hatte er uns noch immer unterhalten und weitergetrunken (mit uns). Das Mädel war übrigens völlig nüchtern und hat ihn wie eine kleine Schwester angemeckert und sich natürlich permanent entschuldigt. Jeder der schon ein paar Anime gesehen hat kennt diesen Ton. Das ist nicht nur Übertreibung im Trickfilm. Die sprechen wirklich so! Als sie dann neben uns saßen hatte er nach Tinas Brüsten neue Favoriten gefunden, Tobis Brüste. Japaner sind ja nicht so abweisend gegenüber gleichgeschlechtlichen Berührungen wie Deutsche. In meiner Uni hab ich oft Typen gesehen die sehr fragwürdig waren mit deutschen Augen betrachtet. Nicht Schwul, aber einfach näher dran als es bei uns üblich ist. Tobis Brust wurde abgetastet. Danach war Mandy dran. Nicht die Brust, aber er hätte sie so gern geküsst… Zwischendurch wurden Gläser umgestoßen und zur Toilette geschwankt. Es existiert irgendwo ein Video wo er sagt „Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen“. Ich hoffe ich finde noch heraus wer es aufgenommen hat. Aus Prost wurde passender Weise auch Kuss, Kuss. Ich finde die Worte liegen schon ‘nen Stück auseinander. Komischer Weise ist er nicht der einzige Japaner, dem ich Prost beigebracht habe und der stattdessen Kuss gesagt hat. Vielleicht doch alle schwul.
Den Kuss konnte er Mandy übrigens bei der Verabschiedung doch aufdrücken.
Der Tisch wurde regelmäig abgeräumt. Nicht täuschen lassen.
Montag kamen wir in Kofu an. Dienstag war großer Abschlusstest, der aber eh nur existierte damit wir einen Test am Ende haben. Den Schein bekamen alle. Auch ich, der die 50% nicht erreichte. Mit irgendwas über 45 war ich aber um einiges näher dran als ich vorher mir erhofft hatte. Blieb immer noch der Vortrag, der mir keine freie Sekunde lies. Morgens hoch, Vortrag schreiben, ab zu Freunden, nachts nach Hause, schlafen, morgens hoch. Ohne mich schaffte dieses faule Pack es auch immer nur bis zum Supermarkt (50m entfernt) und wieder zurück. Einen Tagestrip nach Matsumoto zur Burg konnten wir dennoch gemeinsam bewältigen. Hübsch anzusehen die Burg, jedoch so klein, dass man schon enttäuscht war. Da ist die Burg in Himeji ja fünfmal so groß – mit Mauern 10mal.
Am nächsten Abend machten wir uns mit 3 Literbüchsen Bier im Gepäck auf in die Berge zum Rutemboro (Außen Onsen:-)). Beim Umziehen hatte mich ein alter Mann gefragt wo wir herkommen und sich entschuldigt, er wäre schon betrunken, weil er so viel gesoffen hätte. Gut – nichts anderes hatten wir vor. Tobi war vorher schon nicht mehr zurechnungsfähig. Nachdem ich noch einmal darauf hingewiesen hatte die Klolatschen bitte auf Klo zu lassen, ging er samt Klolatschen erstmal duschen. Als er es merkte wurden sie triefend nass zurück auf Toilette befördert. Lecker, der nächste freut sich! Danach war erstmal warten angesagt, da draußen alles belegt war. Als wir dann endlich das äußere Bad eingenommen hatten war drinnen der Weg versperrt zum Bier holen. Schmuggler Jörn hatte es jedoch tollkühn fertig gebracht uns das Bier zu bringen.
Freitags war endlich Vortragszeit mit anschließender „Nie-wieder-Japanischunterricht-Zeremonie“. Wo geht man nach so einem geschichtsträchtigen Moment hin? Genau! Einen trinken! Die nächste kleine Bar, war mehr ein Café von einem sehr netten Ehepaar, welches wir schon vorher durch Besuche kannten. Meine deutschen Freunde warteten draußen. Und sie erwiesen sich als sehr gute Freunde. Zum Café lief man nämlich 2 Minuten und da braucht man schon Wegzehrung. Ein Bier und ein Eis wurden mir ausgehändigt. Vielen Dank Heike, Tina, Tobi, Jörn, Mandy! Normalerweise hat das kleine Café maximal 3, 4 Gäste gleichzeitig. Wir sind mit 12 Leuten und mehr angerückt. Zum ersten Mal in meinem Leben hab ich ‘nen Laden leergesoffen. Nach einer Runde Bier + 2 Bier und einer Runde Rum-Cola war Schluss. Kein Alkohol mehr da. Eine Bar leergesoffen - das kann nicht jeder von sich behaupten!
Eine kleine 3-Tagesrundesreise nach Kamakura, Hakone und Fujisan war geplant und wurde auch knallhart bis zum letzten Bus durchgezogen. Dazu gleich mehr.
Jedes neue Quartier wurde von unserer ständig Tüten tragenden Mutti Mandy inspiziert und sauber gehalten. Jeder, der sich widersetzte oder sie um ihre wohl verdienten Schlaf bringen wollte wurde geköpft. Man durfte sich aber den Zeitpunkt der Enthauptung gnädiger Weise aussuchen: „Willste gleich eine jewischt haben oda späta?!?“ Gefährlich wurde es auch, wenn Mutti nicht satt wurde.
Die Zugfahrten warn immer gleich: die beiden Pärchen knutschten und kuschelten um die Wette, wobei Tina&Jörni eindeutig Königin und König der Perversen sind. In Japan ist es nicht normal sich küssend oder eng umschlungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Man würde sich schämen haben befreundete Japaner mir erklärt. So wurden die vier auch immer genauestens beobachtet.
Am Pazifikstrand in Kamakura sammelten unsere Damen fleißig Muscheln. Als Belohnung hatten sie im „Damenzimmer“ auch keinen Alkoholiker, der sich nachts mit einem halbstündigen Surren in den Schlaf öhhhmmm gesurrt hat. Ich will nicht wissen, was der da veranstaltet hatte! Von Kamakura ging es nach Hakone, absolutes Neuland für mich. Auf der Fahrt entdeckte Tina, dass die Muscheln in ihrer Tüte ihr nicht allein gehörten. Zumindest eine wurde ihr von einem kleinen Krebs streitig gemacht. Der kleine bekam den Namen Archibal (keine Ahnung ob ich den Namen richtig schreibe) und war gleich DIE Attraktion auf der langweiligen Zugfahrt für uns. 6 Ausländer drängeln sich total fasziniert um eine Einkaufstüte und gucken hinein. Sowas haben Japaner garantiert noch nie gesehen. Das war für sie bestimmt noch spannender als das Rumgeknutsche. In Hakone wurde Natur besichtigt. Berge, Seen und Schwefelfelder mit blubbernder Motter und ekligen Dämpfen. Lieblingssouvenir sind schwarze Eier, die ihre Farbe dem Kochen in den schwefelhaltigen heißen Wasserbecken verdanken. Eine ehemals weiße Katze rannte mir über den Weg. Ihr weißes Fell war aber schon mehr gelb als alles andere. Dort war es auch wo Rabenmutter Tina die Tüte wegen eines Apfels stehen lies. Armer Archi! Wir gedenken dir! Auf die Bergspitzen laufen Japaner natürlich nicht, sie lassen sich hochbefördern von Gondeln. Welch ein Spaß mit Tobi. Es existieren Videos, die ich sobald ich in Dresden bin hochladen werde. Ein zitternder Arm greift zu einer Bierdose und führt sie zu einem zähneklappernden Mund. Darüber Augen die verstohlen immer nur kurz zur Seite gucken.
Während der Rückfahrt nach Kofu wollte ich eigentlich am Fujisan anhalten für ein paar Fotos. Der letzte Bus sollte laut meines veralteten Fahrplans gegen halb 7 fahren. Im neuen wird es auch nich viel anders sein, dachte ich mir. Wir stiegen aus und vor uns hielt gerade ein Bus nach Kofu. Gut gefüllt mit Japanern und alle beobachteten uns. Der Busfahrer sagte schon durch er will abfahren nach Kofu und war dabei die Türen zu schließen. Ich guckte seelenruhig auf den Fahrplan an der Haltestelle, da es ja auch erst kurz nach 5 war. Dann merkte ich es, nach 17 Uhr nochwas fuhr nix mehr nach Kofu. Das ist der letzte. „Rein!“ Indiana Jones hätte es nicht besser und spannender in Szene setzen können. Die Japaner waren sichtlich belustigt. Fast alles Schüler…
Die letzten Tage in Kofu. Das letzte mal Karaoke mit meinen Freunden in Japan, verstärkt durch Engelsstimmchen aus Deutschland. Nur noch einmal Moskau mit englischem und japanischem Akzent hören. Wobei Tobis und Sams „No Limit“ auch gut abging. „Time of my life“ zusammen mit Harshini als letztes Lied…
Der vorletzte Tag war die Hölle. Zu wenig Zeit für zu viele Sachen: Putzen, packen, Handy abmelden, Paket verschicken, Versicherung auflösen, mitfeiern…

Ich konnte alles bewältigen, die Feier am Abend konnte mein Geist aber nur noch stark taumelnd realisieren. Ohne Alkohol! Nach oberflächlichen Putzen wurde ich dazu verdonnert so gut wie alles auszubessern. Das Wiegen des Gepäcks musste ich mit einer kleinen Handwaage durchführen. An einem kleinen Haken wurde mein riesen Koffer befestigt. Es kam verständlicher Weise zu Problemen, da die Waage bis 30kg geeicht war und ich bis 32kg packen musste. Zudem noch einige Tüten, die so getragen werden mussten. Insgesamt 25kg Übergepäck. Wozu hat man 5 Freunde die jeder mit hoffentlich 5kg zu wenig nach Hause fliegen wollten. Da allesamt in Tokyo waren um noch einmal Einzukaufen und sich den Fischmarkt anzusehen, konnte ich nur hoffen. Handy abmelden und Versicherung auflösen ging natürlich nicht problemlos. Aber egal, es lief schon irgendwie.
Abends wurde in unserem Wohnheim noch einmal gefeiert. Was aber eindeutig zu viel war für mich. Und dann auch noch auf Japanisch unterhalten. Kurz bevor ich über meine Bett zusammenbrechen wollte überraschten meine Freunde mich mit einer verfrühten Geburtstagstorte. Dann wurd’s endgültig zu viel für mich.
Um 5 Uhr morgens stand ich auf und machte alle anderen wach. Ich bin froh, dass ich so früh aufbrechen musste. Da peilt man noch nicht was um einen rum so passiert. Ich merke gerade, dass ich gelogen habe, an jenen Morgen hörte ich zum letzten Mal Moskau mit englischem Akzent. Zwar unverständlich, aber das ho ho ho ho ho hey war gelungen. Am Bahnhof stand auch noch Ryu, einer meiner besten japanischen Freunde.

Treffpunkt mit den anderen war Tokyo Hbf. Sie standen nicht dort wo sie sollten und ich war ein paar Minütchen zu spät. Scheiße! Nach kurzem Warten sah ich Jörni. Der mich nicht sah und so hetzte ich schwer bepackt hinterher. Die Penner wären tatsächlich ohne mich abgefahren. Im schnellen Schritt ging’s zum Gleis und lockere 3, 4 Minuten kamen wir vor Abfahrt an. Die ganze Zeit in Bars und Cafés rumhocken in Japan, aber dort wird plötzlich Stress gemacht!
In Deutschland stand das dicke Tier schon parat. Mit Tinas Navigationskunst dauerte es auch nur 3h bis wir bei Jörni waren. Bier und Döner und noch vor 12 war ich eingeschlafen.
Für meine Geburtstagsfeier konnte Tobi noch in Japan glücklicher Weise eine Tüte sehr sehr köstlicher Krebse organisieren. Das gab’s für jeden als Appetithäppchen. Sehr lustig! Das war auch das ekligste was ich je gegessen habe. Krebse, so wie sie sind mit irgendwas überzogen. Man beißt rauf, schmeckt die Verwesung und gleichzeitig steigt einen auch der Geruch aus dem eigenen Mund in die Nase. Zumindest kann man sich am Nebenmann rächen, falls er zu sehr lachen sollte. Einfach anhauchen. Die Krebse sind ein würdiger Abschluss für diesen Blog. In diesem Sinne:
返ったBitches!

